Komponistengespräch

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Komponistengespräch mit Prof. Stefan Kocsis

am 19. Dezember 2001 im BG, BRG und BORG Oberpullendorf

 

Herr Professor, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Meine Kindheit war zunächst vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Ich bin in Unterpullendorf geboren und mit meiner Schwester hier aufgewachsen. Als Kind eines Landwirtes habe ich meine Kindheit so verbracht, wie viele andere auch. Gut erinnere ich mich noch an Weihnachten, weil ich mir jahrelang sehnsüchtig einen Schlitten gewünscht habe, aber aufgrund der finanziellen Situation meiner Eltern es nicht möglich war, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Als ich dann doch einmal einen Schlitten unter dem Christbaum entdeckte, konnte ich es zunächst gar nicht fassen, dass er mir gehören sollte.

 

Wie begann Ihre musikalische Laufbahn?

Mein Vater hat meine Musikalität schon früh erkannt und mir ermöglicht, auf einem Harmonium zu spielen. Musikalisch wurde ich von meinem Volksschullehrer geprägt, der neben dem Unterricht auch die Aufgabe als Organist wahrzunehmen hatte. Da er hervorragend Orgel spielte, habe ich schon von klein auf gute Musik gehört und wurde davon geprägt. Während der Kriegszeit kamen auch italienische Gefangene als Fremdarbeiter nach Unterpullendorf, wo sie zum Beispiel Panzergräben auszuheben hatten. Einer dieser Soldaten war ein sehr guter Musiker, von dessen Spiel auf dem Harmonium ich sehr angetan war. Auch er hat mich in meiner musikalischen Entwicklung beeinflusst. Ich bat ihn, mir eine seiner Eigenkompositionen aufzuschreiben, was er dann auch getan hat. Dieses Stück hieß „Preghiera del Soldato“ (Gebet eines Soldaten) und wurde von mir sehr gerne gespielt.

Mit 11 Jahren habe ich bereits Orgel gespielt. Mein Volksschullehrer war ein guter Organist, von dem ich viel gelernt habe. Er brachte mir zum Beispiel bei, wie die auskomponierten Stufen zu behandeln sind. Nachdem er einrücken musste, habe ich dann als 12-Jähriger den Organistendienst in meinem Heimatort übernommen. So wurde meine Liebe zu diesem Instrument immer mehr gefestigt.

Mein großer Wunsch, endlich auf einem Klavier spielen zu können, wurde realisiert, als ich 13 Jahre alt war. Da während der Kriegszeit die Hungersnot in der Stadt groß war, wurde für Lebensmittel alles eingetauscht. Meine erste Geige kostete ein Huhn. Durch einen glücklichen Umstand konnten meine Eltern in Wien für drei Kilo Schmalz ein altes Klavier erstehen, meine Freude darüber war riesengroß. Ich erhielt dann in der Musikschule Oberpullendorf meinen ersten Klavierunterricht. Auf der Orgel musste ich mich aufgrund fehlender Möglichkeiten selbst weiterbilden.

 

Wie verlief Ihre musikalische Ausbildung?

Nach dem Krieg kam ich nach Wien und besuchte das Prayner-Konservatorium, ich wurde dort von Prof. Nebois unterrichtet und nahm daneben auch Unterricht in Violine und Klavier. Dann machte ich die Aufnahmsprüfung an der Musikakademie, studierte Kirchenmusik und Orgel, später auch Gesang. Während meines Studiums und auch noch Jahre danach war ich Sänger beim Wiener Akademie-Kammerchor. Das Singen unter der Leitung von Ferdinand Grossmann hat meine musikalische Entwicklung entscheidend geprägt, denn er war ein fantastischer Dirigent und hervorragender Chorleiter, der uns Studierende oft um 7 Uhr morgens in die Akademie bestellt hat, um stimmbildend mit uns zu arbeiten. Meine 10-jährige Erfahrung in diesem Chor, der zu den weltbesten zählte, hat auch in meinen Kompositionen hinsichtlich der singgerechten Stimmführung bei Chorwerken ihren Niederschlag gefunden.

 

Wie erlebten Sie Ihre Studienzeit?

Nach der Vorbereitung im Konservatorium und an der Kirchenmusikschule für die Aufnahme in die Musikakademie ließ ich mich zunächst von Kollegen beeinflussen, mich beim damaligen Domorganisten Prof. Walter für den Orgelunterricht anzumelden. Da aber kein Platz frei war, kam ich zu Prof. Anton Heiller, zu dem ich ursprünglich gehen wollte. Er nahm mich zwar als seinen Schüler auf, nachdem er mich spielen gehört hatte, aber er ließ in den folgenden Unterrichtsstunden kein gutes Haar an meinem Spiel. Er war sehr streng und hatte immer etwas auszusetzen, sodass ich schon nahe am Verzweifeln war. Aber eines Tages hörte er mir beim Improvisieren zu und da merkte ich, dass er plötzlich sein Verhalten änderte. Er lobte mein Spiel und ließ mir von diesem Moment an seine Anerkennung zuteil werden.

Ein Höhepunkt während meines Studiums war für mich das Singen im Akademie-Kammerchor, bei dem ich viele interessante und gute Musiker kennen lernte. So standen neben mir die späteren Solosänger Kurt Equiluz, Walter Berry, Waldemar Kmentt etc. Besonders die Arbeit mit dem Dirigenten Ferdinand Grossmann und die vielen Tourneen mit dem Chor in alle Teile der Welt prägten mich sehr. Einmal musste ich während einer Italientournee sogar das Tenorsolo in Händels weltlichem Oratorium „Acis und Galathea“ singen, weil der Tenor erkrankt war. Wir waren insgesamt dreimal auf Italien-Tournee, fünfmal in den USA, dreimal in Kanada, außerdem in Deutschland, Frankreich, Schweden, Norwegen, Dänemark, England und einmal auf einer Welt-Tournee rund um den Globus. Beeindruckend war für mich die sechstägige Überfahrt nach Amerika mit der Queen Mary und der majestätische Anblick der Skyline von New York vom Schiff aus. Wir absolvierten 72 Konzerte mit den verschiedensten Programmen. Da auch in Amerika die alpenländische Folklore sehr gefragt war, mussten wir einen Teil unseres Programms der österreichischen Volksmusik widmen und auf Wunsch des Managers unserer Konzertveranstaltungen sogar in Lederhosen auftreten.

In Tokio hatten wir ebenso großen Erfolg mit unseren Konzerten wie in vielen anderen großen Städten, die wir bereist hatten. Damals bin ich in Japan mit einer völlig neuen Methode der musikalischen Erziehung konfrontiert worden, deren Ergebnisse mich sehr beeindruckt haben. Interessierten Eltern wird vorgeschrieben, ihrem Baby klassische Musik vorzuspielen, denn man geht davon aus, dass diese Musik schon im Kleinstkindalter gespeichert wird und bald mühelos von den Kindern nachgespielt werden kann. So erlebte ich, wie sechsjährige Kinder Violinkonzerte von Vivaldi und Mozart spielten. Daran kann man ersehen, dass es sehr wichtig ist, mit der musikalischen Erziehung schon sehr früh zu beginnen.

 

Welche Tätigkeiten übten Sie nach Ihrem Studium aus?

Zunächst wurde ich Instrumentallehrer an der Musikschule in Oberpullendorf, später war ich bis zu meiner Pensionierung Direktor dieser Schule. Daneben bereiste ich immer wieder das Burgenland und Nachbarländer wie Ungarn, Deutschland und Kroatien, um Orgelkonzerte zu geben. In besonderer Erinnerung ist mir ein Orgelkonzert in Zagreb geblieben. Auf Einladung des Erzbischofs von Zagreb und gegen den politischen Widerstand der herrschenden kommunistischen Machthaber gab ich im Dom von Zagreb ein Orgelkonzert. Der Erfolg war für mich überwältigend, denn nicht nur die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt, auch der große Domplatz im Freien war mit Tausenden Zuhörern voll, sodass dieses Konzert zu einer politischen Manifestation geworden ist. Nie wieder habe ich eine so große Begeisterung nach meinem Orgelspiel erlebt.

Neben meinen Konzertreisen ist es mir nach erfolgreicher Überzeugungsarbeit gelungen, meinen Traum von einer guten Orgel in der Kirche Oberpullendorf zu verwirklichen, sodass ich nun auch in unserem Bezirksvorort Orgelkonzerte veranstalten konnte, die immer wieder sehr gerne angenommen wurden und gut besucht waren.

Da der damalige Bezirksschulinspektor Zvonarich bestrebt war, mich in Oberpullendorf zu halten, initiierte er einen Lehrerchor, der auf Anhieb an die 60 Mitglieder umfasste. Nun konnte ich auch meine musikalischen Vorstellungen verwirklichen und vieles von meinem Studium und von meinen Erfahrungen umsetzen, die ich in Wien mit dem Dirigenten Ferdinand Grossmann gemacht hatte. Ich konnte meinen musikalischen Anspruch mit dem Mittelburgenländischen Lehrerchor verwirklichen und fantastische Werke der Chorliteratur zur Aufführung bringen. Mit diesem Chorensemble habe ich meine künstlerische Heimat gefunden und hatte nun keinen Grund mehr, von hier wegzugehen, obwohl ich verlockende Angebote erhalten hatte. Sowohl das Angebot, Leiter der Wiener Sängerknaben zu werden als auch die Nachfolge des verstorbenen Domkapellmeisters in Graz anzutreten, habe ich nach reiflicher Überlegung abgelehnt.

Neben diesen Tätigkeiten habe ich auch Fortbildungskurse für Dirigenten und Chorleiter gehalten. In den 70er-Jahren wurde ich als Lehrer für Tonsatz, Chor- und Ensembleleitung an das Joseph Haydn-Konservatorium in Eisenstadt berufen. 13 Jahre unterrichtete ich auch Musik und Instrumentalmusik am Gymnasium Oberpullendorf, woran ich gerne zurückdenke, weil es mir gelungen ist, viele Schüler für die Musik und speziell für das Singen zu begeistern.

 

Sie gehören zu den bedeutendsten Komponisten des Burgenlandes. Lassen sich Ihre Kompositionen einem bestimmten Stil zuordnen?

Ich fühle mich nicht einem bestimmten Kompositionsstil verpflichtet, ich bin für alle Richtungen offen. Während meines Studiums wurde ich in Komposition von meinem Lehrer, der ein Schüler Schönbergs war, sehr geprägt und in die sogenannte Wiener Schule eingeführt. 1970 schrieb ich ein Werk der Zwölftonmusik für ein bestimmtes Ensemble, von dem ich gewusst habe, dass ich auf den Schwierigkeitsgrad keine Rücksicht zu nehmen brauchte. Aber da ich meistens Auftragswerke geschrieben habe, bin ich immer an gewisse Rahmenbedingungen gebunden gewesen. Die Grenzen des Machbaren enden dort, wo die Überforderung eines Ensembles beginnt. So musste ich natürlich immer Rücksicht nehmen, ob meine Komposition auch gut realisiert werden kann. Vieles habe ich im Auftrag des ORF Studio Burgenland und Kärnten komponiert, wo ich keinerlei Beschränkungen auferlegt bekam. Ich würde mich bis zu einem gewissen Grad auch auf Experimente einlassen, aber die Komposition soll trotzdem instrumentengerecht sein, eine künstlerische Aussage haben und die Instrumente sollen nicht verfremdet oder missbraucht werden.

 

Bevorzugen Sie bestimmte Gattungen bei Ihren Kompositionen?

Die Gattungen meiner Kompositionen sind in erster Linie vom Chor und der Chormusik geprägt. Dabei ist es wichtig, ein gutes Gefühl für die Stimmführung zu haben. Ich habe viele Messen und Liedsätze geschrieben.

Von den anfänglichen Instrumentalwerken sind besonders die Klavier- und Violinkompositionen für meine Kinder zu nennen. Im Auftrag des ORF entstanden viele Werke, die alle vom Rundfunk aufgenommen wurden, darunter sind Sonaten, eine Partita, Orchesterwerke, Werke für Bläserensemble, Intraden und viele andere Stücke. Die letzte größere Komposition war ein Auftragswerk der Burgenländischen Landesregierung anlässlich des 80-Jahr-Jubiläums im Jahr 2001. Ich hatte die Aufgabe, in der „Jubiläumssuite 80 Jahre Burgenland“ die kroatische Volksgruppe musikalisch darzustellen. Ich habe darin sehr bekannte kroatische Melodien wie „O Jelena, Jelena“ oder „V jutro rano se ja stanem“ (dieses Volkslied verwendete übrigens auch Joseph Haydn in seinem berühmten „Kaiserquartett“) für Orchester bearbeitet, wobei mir der instrumentale Rahmen zugeordnet wurde: 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauken, 1. Violinen, 2. Violinen, Bratschen, Violoncelli und Kontrabässe.

 

Welche Bedeutung hat für Sie das Singen?

Das Singen ist sehr wichtig für die musikalische Entwicklung eines Kindes. Es sollte selbstverständlich sein, dem Kleinkind viel vorzusingen. Ich habe das bei allen meinen 6 Kindern gerne getan, wobei ich meiner jüngsten Tochter Anka am meisten vorgesungen habe, vorwiegend Volkslieder. Oft ist es so, dass jedes Kind ein Lieblingslied hat, das es nicht oft genug hören kann, ich bin diesem Wunsch immer gerne nachgekommen. Besonders wertvoll ist es, dem Kind vor dem Schlafengehen Lieder vorzusingen, denn diese werden dann besonders gut und lang gespeichert.

 

Welche musikalische Entwicklung haben Ihre Kinder genommen?

Mein ältester Sohn Andreas hat mir als jungem Vater sehr oft und stundenlang beim Üben der Werke für die verschiedensten Orgelkonzerte zugehört. Dadurch ist er früh mit schwierigen Musikstücken – vor allem auch mit Bachs Kompositionen – konfrontiert worden. Durch das oftmalige Zuhören hat er viel für seine musikalische Entwicklung profitiert, so verfügt er über ein absolutes Gehör.

Auch mein zweiter Sohn Stefan ist musikalisch begabt, beide sind schon früh durch gutes rhythmisches Agieren aufgefallen. Ich habe sie beide selbst in Klavier unterrichtet. Geige und Violoncello lernten sie zunächst im Konservatorium in Eisenstadt und nach der Matura an der Musikhochschule in Wien, wo sie auch Komposition studierten. Andreas ist nach dem Abschluss seiner Diplomprüfung in Violoncello nun Stimmführer im Orchester der Wiener Volksoper. Stefan war nach Abschluss seines Diploms als Geiger in Barcelona und später in Greifswald engagiert. Derzeit ist er Mitglied des neugegründeten Philharmonischen Orchesters in Kuala Lumpur (Malaysia). Mein jüngster Sohn Martin hat die Lehrbefähigungsprüfung für Violine und Klavier (1. Diplom) und Konzertfach aus Violine am Konservatorium in Eisenstadt abgelegt. Die 2. Diplomprüfung aus Violine und den akademischen Grad erwarb er an der Universität für Musik in Wien. Derzeit ist er fixes Mitglied des bekannten Haydnquartetts. Meine Tochter Jelka hat in Wien die Studienrichtungen Musikpädagogik und Musiktherapie absolviert und arbeitet nun als Musiktherapeutin. Die jüngste Tochter Anka hat Publizistik studiert und ist beim ORF in Eisenstadt beschäftigt.

 

Abschließende Improvisation über das Adventlied „O Heiland, reiß die Himmel auf“

 

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