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Wie in der einleitenden Biographie beschrieben, bezeichnet Prof. Stefan Kocsis seinen Kompositions-Stil als nach allen Richtungen offen, wobei er der Zwölftonmusik ebenso zugeneigt ist wie dem Dur-Moll-Prinzip. Dies bekräftigte er auch beim Komponistengespräch, das im Gymnasium Oberpullendorf im Dezember 2001 stattgefunden hat. Somit hat also die von Kocsis geschriebene, prägnante Kurzformulierung aus dem Jahr 1970 nach wie vor Gültigkeit, derzufolge er „durch keine Reihe oder Zwölftontechnik gebunden, frei nach allen Richtungen und frei in der Aussage“ sei. Stefan Kocsis, der während seines Studiums in Wien den Schönberg-Schüler Josef Polnauer als Kompositionslehrer hatte, wurde natürlich ebenso wie jeder andere Musikstudent der damaligen Zeit von der Zwölftontechnik beeinflusst und inspiriert. Kocsis versuchte aber nicht im Sinne Schönbergs dodekaphonisch zu schreiben, sondern ging genauso wie viele andere Komponisten einen individuellen Weg, der zwar teilweise auf die Errungenschaften der Zwölftonmusik zurückgreift, sich aber von deren „Zwängen“ nicht einengen lässt. Stefan Kocsis bestätigte jedenfalls, dass er von der Dodekaphonie sehr geprägt wurde. Tatsächlich finden sich in Kocsis' Kompositionen zwölftönige Elemente, jedoch in freier oder sehr freier Anwendung, was beispielsweise im Rahmen dieses Projekts anhand der Analyse des 1. Satzes der 1. Orgelsonate eindrucksvoll nachgewiesen werden konnte. Kocsis betonte während des im ersten Absatz erwähnten Gesprächs auch, dass die Art und Weise der Gestaltung seiner Werke oft von den äußeren Gegebenheiten, wie Besetzung des Ensembles, Fähigkeiten der InterpretInnen etc. abhängt. Dazu muss gesagt werden, dass Kocsis nicht nur aus freiem Antrieb heraus Kompositionen schrieb und schreibt (für seine eigene Konzerttätigkeit als Orgelvirtuose, für seine Kinder und Schüler usw.), sondern oft auch Auftragswerke (ORF, Burgenländische Landesregierung ...) für verschiedenste Instrumental- oder Vokalbesetzungen komponierte und komponiert. Die Bandbreite der musikalischen Möglichkeiten der Ausführenden schwankt daher naturgemäß zwischen dem Niveau von Schülern, engagierten Hobbychören, semiprofessionellen Klangkörpern bis hin zu qualitativ hochstehenden InterpretInnen und Ensembles, bei denen spieltechnische, rhythmische, harmonische und ähnliche Einschränkungen nicht mehr zu beachten sind. Demgemäß setzt Stefan Kocsis in seinen Kompositionen unterschiedlichste Stilmittel ein. So finden sich Passagen oder ganze Stücke, die eindeutig dem Dur-Moll-System verpflichtet sind oder nahe stehen genauso wie modale, pentatonische, ganztönige und chromatische Einflüsse. Akkordisch werden je nach Anlage der Komposition einfache Dreiklänge bis hin zu komplizierten dissonanten harmonischen Strukturen verwendet. Nicht selten ergeben sich dabei höherwertige Akkorde aus dem Gebrauch der Bi- oder Polytonalität. Parallelführungen von großen Terzen (s. Ganztoneinflüsse!), reinen Quarten, reinen Quinten, aber auch von Dreiklängen und anderen Akkordstrukturen über mehrere Takte hinweg sowie Bordun- und Orgelpunktwirkungen sind häufig eingesetzte Gestaltungsmittel, die oft den Eindruck einer (akkordischen) Vertrautheit erwecken, gleichzeitig aber auch vieles an Modernismen implizieren. Häufig finden sich auch so genannte Reizdissonanzen, durch deren Hinzufügen bei einfacher aufgebauten Akkorden eine deutlich andere, interessantere Klangwirkung erzielt wird. Ähnliches gilt für die Rhythmik, die von einfachen bis zu schwierigsten Strukturen reicht, wobei eine gewisse Vorliebe für die gleichzeitige Verwendung von 3er- und 2er-Unterteilungen von Zählzeiten feststellbar ist (z. B. 6:4 Notenwerte auf eine Schlageinheit). Auffällig sind auch Rhythmisierungen, die zumindest vom echten kroatischen Volkslied bzw. Volkstanz beeinflusst sind, sofern sie nicht sogar in einem direkten Zusammenhang mit ihnen stehen. Die Verwendung von eher seltenen Taktarten wie dem 7/8-Takt dürfte ebenso ursächlich auf diese oder andere osteuropäische Volksmusiken zurückzuführen sein. Wie bei vielen Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts ist auch bei Kocsis oft ein Abrücken von einer ein ganzes Stück hindurch gleichbleibenden Taktart bemerkbar. Das geht teilweise soweit, dass nicht nur häufige Taktwechsel innerhalb eines Werks vorkommen können, sondern manchmal auf das Vorschreiben von Taktarten mit ihren betonten und unbetonten Taktteilen gänzlich verzichtet wird. Häufig wird auch durch polymetrische Anlagen innerhalb gleichbleibender Taktarten eine Art Verschleierung der regelmäßigen Abfolge von Schwer- und Leichtzeiten erzielt. Äußeres Kennzeichen davon sind Balkierungen, die von der normalen Verwendung insofern abweichen, dass kein Zusammenfassen gemäß der Schlageinheiten vorgenommen wird, sondern die Gruppierungen ausschließlich dem musikalischen Kontext folgen. Was die formale Gestaltung und die thematische Verarbeitung anbelangt, sind auch bei Kocsis' Werken allgemeine Tendenzen der zeitgenössischen Musik zu finden. Die „alten“ Formen werden bei ihm nicht einfach über Bord geworfen, sondern entweder in konventioneller Manier angewandt oder auch frei verwendet, d. h. seinen jeweiligen Intentionen entsprechend angepasst, ausgeweitet, miteinander verknüpft oder anderwärtig verändert. Stefan Kocsis verwendet häufig polyphone Satzstrukturen und greift gern auf die Mittel des Kontrapunkts zurück. Die diesbezüglichen Verarbeitungstechniken Augmentation, Diminution, Spiegel, Krebs, Krebsumkehr und deren Kombinationen sind in einer oft erstaunlichen Art und Weise miteinander verwoben, sodass sich komplexe musikarchitektonische Gebilde ergeben. Dass die Werke oft imitatorische Einsätze, Sequenzen, Motivabspaltungen und -veränderungen, Engführungen etc. aufweisen, versteht sich von selbst. Nur wie diese einfachen „handwerklichen“ Mittel eingesetzt werden, zeichnet Stefan Kocsis' Kompositionen aus. Die Tonartenfolgen innerhalb seiner Werke werden, sofern sie sich überhaupt im tonalen oder tonalitätsnahen Raum bewegen, ebenfalls freier gehandhabt und folgen daher nicht von vornherein festgelegten Schemata. Hinsichtlich der Behandlung der Instrumente bzw. der menschlichen Stimme sagt Kocsis, dass er sich in seinen Werken bis zu einem gewissen Grad auf Experimente einlassen würde. Diese Klangerzeuger dürften dabei aber nicht verfremdet oder missbraucht werden. Die Kompositionen sollen vor allem instrumentengerecht geschrieben sein und nicht zu Spieltechniken greifen, die gegen die Natur der Instrumente und ihrer Klangcharakteristika gerichtet sind. Seine Werke sind, was vor allem die Vokalparts anbelangt, von einer besonders stimmgerechten Anlage gekennzeichnet, was durch seine jahrelangen Erfahrungen im Spitzenvokalensemble des Wiener Akademie-Kammerchores unter den drei hervorragenden Chorleitern Ferdinand Grossmann, Günther Theuring und Thomas Christian David bedingt ist. Hier konnte Kocsis schon in jungen Jahren erfahren, was alles mit der menschlichen Stimme machbar ist und wo die Schwierigkeiten bei ihrem Einsatz liegen. Dass ihn sein abgeschlossenes Gesangstudium und die jahrzehntelange aktive Auseinandersetzung mit den Problemen der Stimmführung als Chorleiter und Dirigent des Mittelburgenländischen Lehrerchores noch zusätzlich diesbezüglich sensibilisierte, liegt auf der Hand. Ähnlich verhält es sich bei den Instrumenten. Da Kocsis selbst Violine spielt, weiß er über die Gruppe der Streichinstrumente natürlich bestens Bescheid und vermag deren Parts in seinen Werken ideal zu gestalten. Er konzipiert die Stimmen der anderen Orchesterinstrumente ebenfalls so, dass ihre spezifischen Merkmale unterstützt werden und auf ihre Eigenheiten eingegangen wird. Und was seine Kompositionen für Orgel oder Klavier anbelangt, so hat er aufgrund seiner Virtuosität die idealen Voraussetzungen, die spieltechnischen und musikalischen Möglichkeiten dieser Instrumente optimal zu nützen. Abschließend noch einige prinzipielle Bemerkungen zu diesem Kapitel: Eine umfassende Darstellung des Kompositionsstils von Prof. Stefan Kocsis innerhalb eines solchen Projekts anzustreben, wäre vermessen und auch mit einem x-fachen Zeitaufwand nicht annähernd zu erreichen gewesen. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen, Vorgaben und Zielsetzungen, die zum Entstehungsprozess der verschiedenen Werke beigetragen und die kreative Umsetzung bis hin zur Endausfertigung beeinflusst haben. Eine differenzierte Betrachtungsweise müsste solche und noch viele weitere Aspekte berücksichtigen, um zu exakten und konkreten Detailergebnissen zu gelangen. Ein Unterfangen, das in den Bereich der Musikwissenschaft gehört und daher auf der Ebene eines Schulprojekts nicht mehr durchführbar ist. So müssten beispielsweise Stilanalysen von jeder einzelnen Komposition gemacht werden, Vergleiche erfolgen etc. und selbst dann wäre es schwierig, lückenlose Ergebnisse zu erzielen. Daher beschränkte sich das Projektteam auf das Herausarbeiten von grundsätzlichen Stilkriterien und charakteristischen Tendenzen. Dies war vom Umfang her bewältigbar und ließ trotzdem aussagekräftige Schlüsse zu. Die Inhalte dieses Artikels setzen sich aus verschiedenen Stellungnahmen von Prof. Kocsis zu dieser Thematik und eigenen Erkenntnissen, die sich während der praktischen Auseinandersetzungen mit etlichen Werken dieses Komponisten ergaben, zusammen.
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