Volksliedforschung

Home Nach oben Weiter

 

Viele der von Stefan Kocsis aufgenommenen Lieder erfüllten früher eine bestimmte Funktion und wurden zu spezifischen Bräuchen und Anlässen gesungen. Aber im Laufe der Zeit verschwanden viele Bräuche und Traditionen aus dem gesellschaftlichen Leben der burgenländischen Kroaten und daher auch viele Volkslieder.

Das burgenländisch-kroatische Volkslied hatte für Stefan Kocsis schon seit frühester Kindheit einen hohen Stellenwert, da er durch seine Instrumentalkenntnisse die Möglichkeit hatte, Volkslieder zu spielen und zu begleiten.

Nach 1945 wurde in Unterpullendorf das bereits 1936 gegründete Tamburica-Orchester reaktiviert. Es wurde vom Unterpullendorfer Albin Csenar geleitet. Stefan Kocsis übernahm 1957 gemeinsam mit der Lehrerin Gertrude Buzecki die Folkloregruppe Unterpullendorf. 1961 ging aus dieser Folkloregruppe die überregionale Gruppe „Krug Miloradić“ hervor.

Stefan Kocsis begann schon sehr früh damit, Volkslieder aus seiner näheren Umgebung aufzuzeichnen. Er schrieb auch viele Sätze für seine Vokalensembles für zwei Frauen- und eine Männerstimme, weil für ihn diese Besetzung optimal war. Eine wichtige Persönlichkeit auf dem Gebiet der Volkskultur war Vinko Žganec, den er 1948 in Zagreb kennen lernte.

Dieser begeisterte und motivierte ihn, Liederaufzeichnungen durchzuführen. Vor allem sprachen sie über die Aufzeichnungsmethode Kodálys, jedes Lied so zu transkribieren, dass es mit dem Finalton „g endet. Auch der kroatische Komponist Ivan Vukovich motivierte Stefan Kocsis zum Liedersammeln und Aufzeichnen. Ein weiterer Grund war für ihn, Melodien zu alten Balladen, sakralen Liedern und Texten, welche Fran Kurelac 1871 in Textform publizierte, zu eruieren und nach Möglichkeit auf Tonband zu konservieren.

1973 erschien das kroatische Liederbuch „Hrvatska Pjesmarica. Stefan Kocsis wurde durch den damaligen Bezirksschulinspektor Stefan Zvonarich animiert, ein neues Liederbuch für die kroatischen Schulen des Burgenlandes zu verfassen. Doch die Hauptintention bei der Erstellung der „Hrvatska Pjesmarica war, das aufgezeichnete Volksliedgut der Schuljugend näher zu bringen und dieses dadurch zu reaktivieren. Er wurde bei der Liederauswahl von Karl und Gertrude Buzecki unterstützt.

Um dieses burgenländisch-kroatische Liedgut auf Tonband aufzeichnen zu können, kaufte Stefan Kocsis während seiner ersten USA-Kanada-Konzerttournee mit dem Wiener Akademie-Kammerchor ein amerikanisches Tonbandgerät. 1955 und 1956 entstanden die ersten Aufnahmen in Unterpullendorf sowie in Neudorf bei Parndorf. Die späteren Aufnahmen wurden in den 60er-Jahren mit einem Philips-Tonbandgerät durchgeführt. Die SängerInnen dieser Aufnahmen aus dem Jahr 1955 waren unter anderen Paul Huisza und Elise Kindler.

erstes Tonbandgerät von Stefan Kocsis mit geöffnetem Kofferdeckel

Detailansicht des eigentlichen Tonbandgeräts

Für die SängerInnen war es eine große Sensation, ihre eigenen Stimmen auf Tonband zu hören, da es zu dieser Zeit nur selten Tonbandaufnahmen gab. Deshalb waren die SängerInnen auch sehr neugierig, wie ihre Stimme klingt und ließen sich daher auch leichter zum Vorsingen überreden. Meist waren sie aber von ihrer eigenen Stimme enttäuscht und empfanden ihr Singen und ihre Interpretation der Lieder als nicht gut klingend.

Im südlichen Burgenland wurde Stefan Kocsis von der Lehrerin Gertrude Buzecki und deren Ehegatten Karl unterstützt. Sie hatten viele Kontakte mit der dortigen Bevölkerung, sodass es für Stefan Kocsis wesentlich einfacher war, jene SängerInnen ausfindig zu machen, welche die alten Lieder noch kannten und eher bereit waren, in ein Mikrophon zu singen.

Stefan Kocsis und Gertrude Buzecki fuhren bewusst in kroatische Dörfer des Südburgenlandes, von denen sie gehört hatten, dass dort kaum noch kroatisch gesprochen wird und sie von der Assimilation bedroht sind. In Heugraben trafen sie einen Mann, der bereit war, ein SängerInnentreffen in der Volksschule zu organisieren, zu welchem er noch zusätzlich einen Mann und zwei Frauen mitbrachte.

Die Aufnahmesituation war in allen Ortschaften ähnlich. Die SängerInnen trugen Schlager, Lieder, Walzer und Melodien vor, die zu jener Zeit modern waren, die aber Stefan Kocsis nicht interessierten, weil er altes kroatisches Liedgut kennen lernen wollte. Als er die SängerInnen aufforderte, das alte, schon fast vergessene Liedgut vorzusingen, merkte er oft, dass sie sich ihrer alten Lieder wegen schämten. Auf jene alten burgenländisch-kroatischen Lieder, die ihn wirklich interessierten, stieß Stefan Kocsis meist erst dann, wenn er die Leute fragte, an welche Hochzeitslieder sie sich denn noch erinnerten. Dadurch kamen immer mehr alte Lieder zum Vorschein. Nachdem die SängerInnen merkten, dass sie sich ihrer alten Lieder wegen nicht zu schämen brauchten, sondern dass genau jene gefragt waren, stieg auch ihre Bereitschaft, sich an diese Lieder zu erinnern. Um jedoch die SängerInnen einmal so weit zu bringen, war zwischen den Aufnahmen meist sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

Tri ribari ribe lovu.GIF (22596 Byte)

„Tri ribari ribe lovu“:

Aufnahme: Stefan Kocsis, 1955 in Neudorf; Transkription: Martin Kocsis

Dala mi je mati.GIF (40295 Byte)

„Dala mi je mati“:

Aufnahme: Stefan Kocsis, 1962 in Neuberg; Transkription: Martin Kocsis

Aleksander.GIF (50778 Byte)

„Aleksander“:

Aufnahme: Stefan Kocsis, 1964 in Stinatz; Transkription: Jelka Zeichmann-Kocsis

Bei den Aufnahmen in den 60er-Jahren hat Stefan Kocsis die SängerInnen, nachdem sie ihre Lieder bereits gesungen hatten, mit Liedtexten aus der Sammlung von Fran Kurelac („Jačke ili narodne pesme, Zagreb, 1871) konfrontiert, vor allem mit jenen Liedtexten, die in den betreffenden Orten bzw. deren Umgebung aufgezeichnet wurden. Viele Liedtexte wurden erkannt und auch mit der dazugehörigen Melodie gesungen. Die SängerInnen haben die Texte von Fran Kurelac auch verändert bzw. erweitert. Stefan Kocsis wurde mit der Zeit klar, dass viele Liedtexte das Thema einer Hochzeitsmelodie hatten.

Stefan Kocsis interessierte sich besonders für das singende Klagen. Die Totenklage „Javkanje wollte er unbedingt einmal phonographisch festhalten. Die SängerInnen dafür zu gewinnen erwies sich jedoch als äußerst schwierig, weil das „Javkanje etwas ganz Persönliches und sehr Intimes darstellte. Eine Frau aus Heugraben ließ sich jedoch unter der Bedingung aufnehmen, dass das Band erst nach ihrem Tod der Öffentlichkeit präsentiert werden dürfe. Während der Aufzeichnung mussten alle Anwesenden den Raum verlassen, damit die Frau ihrem Schmerz freien Lauf lassen konnte. Auch in Stinatz war es äußerst schwierig, eine Frau zu überreden, sich während der Totenklage aufnehmen zu lassen. Für sie musste das Zimmer während der Aufnahme völlig verdunkelt werden, um einem Unglück vorzubeugen. Weiters wurde das Javkanje noch in Zuberbach aufgezeichnet.

Die Liedsammlung von Stefan Kocsis beinhaltet 252 Lieder, wobei einige in verschiedenen Varianten mehrmals vorkommen. Obwohl er nur einen Teil des ihm vorgesungenen Liedgutes aufgenommen hat, ist die Liedsammlung für die burgenländischen Kroaten von großer Bedeutung, die vor allem darin liegt, dass es sich um eine der ersten Tonbandaufnahmen von burgenländisch-kroatischen Liedern handelt. Ebenso interessant ist es, dass die Aufnahmen aus verschiedenen burgenländisch-kroatischen Regionen stammen.

Die ersten Aufnahmen datieren aus dem Jahr 1955 und wurden in Neudorf und in Kroatisch Minihof aufgenommen. Im Jahr 1962 besuchte Stefan Kocsis die Ortschaft Neuberg, wo er neben Volksliedern auch gesprochenes Hochzeitsbrauchtum aufnahm. 1963 folgten Nikitsch, 1964 Güttenbach, Heugraben, Stinatz, Draßburg, Weiden bei Rechnitz und Zuberbach. Die Aufnahmen aus dem Jahr 1966 stammen aus Nikitsch, die letzten Aufnahmen sind aus dem Jahr 1967 und stammen aus Spitzzicken. Eine Liedaufnahme aus Unterpullendorf aus dem Jahr 1956 wurde irrtümlich gelöscht und eine Aufnahme aus Stinatz aus dem Jahr 1964 ist leider nicht mehr auffindbar.

Volksliedforschung S.1.GIF (25759 Byte)

Titelseite der Diplomarbeit, in der sich Stefan Kocsis' Sohn Martin mit der Liedsammlung seines Vaters auseinandersetzt, 2001

 

 

Quelle:

Kocsis, Martin: Wandel und Kontinuität burgenländisch-kroatischer Volkslieder. Die Liedsammlung von Stefan Kocsis (aus den Jahren 1955-1967) und ihr Abbild im Repertoire zeitgenössischer burgenländisch-kroatischer Folkloregruppen. Diplomarbeit. Wien: 2001.

 

zurück zum Seitenanfang